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Mittwoch, 8. Oktober 2014

13. Adelsberger-Bike-Marathon am 03.10.14

Der Freitagmorgen ist sonnig. Feiertagswetter. Freude. Ein neuer, etwas breiterer Lenker ist frisch montiert, und wegen des trockenen Wetters in den letzten Tagen ziehe ich hinten den Schwalbe Thunder Burt und vorne den Rocket Ron auf die Felge. Was soll da noch schiefgehen beim 13. ABM? Nichts, na ja, fast nichts.

Ich bin außerordentlich pünktlich vor Ort und besorge meine Startunterlagen. Die Verbottlung übernehmen meine waschechten Eltern, die schon unterwegs sind zur üblichen Aßmann’schen Verbottlungsstelle. Ein Hindernis gibt es noch zu umschiffen: den Dixi-Steve Scheffel. Er steht auf dem Gang zur Latrine und macht verdächtige Bewegungen. Zieht er sich an oder aus? Schnell ein Stoßgebet, dass er fertig ist, mit dem, was er vorhat. Er ist fertig. Zentnerweise Last fällt von mir. Dennoch gerate ich etwas in Zeitnot. Paar Minuten später geht’s mit Andreas Hennig von Rapiro zum Start. Wir scheinen bissl zu spät dran zu sein, da uns das Feld bereits entgegenkommt. Bei mir ist es erst 9.59 Uhr, verflixt. 180°-Kehrtwende, und ab geht die Post. Vorteil: Wir sind ohne zu drängeln ganz vorne dran am Feld.

Nach Freigabe des Rennens zieht Fahrer Benjamin bzw. Michael bzw. Benjamin Michael am Horn, was die Meute entzerrt. Oben auf der Höhe sind wir ca. acht Mann. Das Bergabstück nach Kleinolbersdorf runter nutzen einige Fahrer zum Aufschließen. Die „Halfpipe“ nach dem Verlassen der LPG-Straße nehme ich hinter Dixi-Steve und Felix Fritzsch unter die Räder. Wir reißen ein kleines Loch, was jedoch wieder zugefahren wird. Am Steilanstieg im Forest bleiben wir zusammen, oben verbottelt mich die leibliche Modder, bevor es wieder hinab in den Grund geht. Am kurzen, verwurzelten Gegenanstieg verklemmt es mir die Kette, sodass Felix und Steve enteilen und der Rest der Gruppe an mir vorbeihobelt. Zum ersten Mal kommt Wut in mir auf, und der Rhythmus ist sogleich flöten gegangen. Der lange, flache Schotteranstieg zum Adelsbergturm ist so gar nix für mich Erdnuckel, und mir gelingt es nicht, das Loch zu den sechsen da vorne zuzudrücken. Schande über mich. Erst viel später, als ich die Abfahrt von der Pferdekoppel hinab ins Tal hinter mich gebracht habe, kann ich zuerst Enrico Knobloch und Sebastian „Küfi“ Küfner einholen und noch etwas später zu Beginn der zweiten Runde im Anstieg zum Schösserholz Felix, Matze Reinfried und Benjamin bzw. Michael bzw. Benjamin Michael. Dixi-Steve hat sich inzwischen verabschiedet, nicht aufs Klo, sondern ins Ziel. Er ist die Staffel angefahren.

Mein Motor läuft jetzt ganz brauchbar, der einiger Feldmaschinen ganz offensichtlich auch. Denn in einer scharfen Linkskurve steht auf einmal ein überbreiter Mähdrescher vor uns, an dem wir nur mit Mühe im Schneckentempo vorbeikommen. Wut kommt in mir auf. Als wir alle wohlbehalten vorbei sind, geht's wieder in den Rennmodus und hinter Felix die Halfpipe hinab. Matze, Felix und ich können ein paar Meter rausfahren auf die anderen drei Leute, und Matze dreht gut am Gas den folgenden Höhenweg entlang. Just hier verklemmt sich mal wieder meine Kette zwischen kleinstem Ritzel und dem Schaltwerk, sodass ich nicht mehr treten kann. Wut kommt in mir auf. Felix und Matze enteilen mir, die anderen drei Fahrer, Küfi, Benni, Knobi überholen mich. Rabiat löse ich während des Fahrens die Kette und kann mit den drei verbliebenen Leuten in Richtung Steilanstieg knattern. Dort steht Matze mit schwammigem Reifen und Kartusche, während vorne Felix Stoff gibt. Ich bin zum Zuschauen verdammt, weil ich zu alt für den Scheiß bin. Felix ist weg, die anderen drei dahinter, ich mit Rückstand noch etwas weiter weg. Oben vermoddelt mich wieder meine Botter, der leibliche Vadder – der Typ mit Kamera und Bart – schießt derweil Fotos seines Sprösslings. Bergab lasse ich es rollen, komme aber nur sporadisch Küfi und Co. näher. Dass das Bergaufstück zum Col de Adels mir nicht liegt, erwähnte ich bereits, und dass sich der Rückstand dadurch nicht verkleinert, ist die logische Konsequenz. Erst die Koppelabfahrt hinab und das folgende holprige Flachstück übers Feld katapultieren mich an Knobi und Küfi heran und vorbei.

Zu dritt geht's durch die Rundendurchfahrt in die letzte der drei Schleifen und das Schösserholz hinauf, die Plattenabfahrt hinab, den Gegenanstieg wieder empor. Meine Freude ist groß, als dieses Mal keine Mähdrescher vor uns auftauchen. Ohne Zwischenfälle düsen wir die Halfpipe und den Höhenweg entlang und wieder hinab ins Tal. Dort wartet der Steilanstieg zum dritten Mal auf uns. Bereits auf dem flachen Voranstieg geht Knobi verloren, sodass Küfi und ich ein Duo bilden. Meine Reifen haben durch den aufgeweichten Boden jetzt merkliche Traktionsprobleme, und ich muss recht kleine Gänge fahren, um hinten Grip zu haben. Die Beinchen dagegen fühlen sich noch ganz gut an. Oben angekommen, befinde ich mich auf einmal wieder am Hinterrad von Benjamin bzw. Michael bzw. Benjamin Michael. Er hatte vorher mit Kämpfen zu krämpfen bzw. mit Krämpfen zu kämpfen. Wir überholen ihn und bringen ein paar Meter zwischen uns und Benni. „De Modder“ verbottelt mich mit Cola und beendet damit ihr Tagwerk. Die Abfahrt und den wurzeligen Gegenanstieg fahre ich von vorne, am geliebten Schotteranstieg übernimmt Küfi das Zepter und enteilt mir etwas. Benni fährt wieder zu mir auf. Zu zweit verfolgen wir nun Küfi und erwischen den Schelm auf dem freien Feldstück unterhalb des Col de Adels. Es befinden sich mittlerweile Unmengen an Bikern auf der Strecke, was das Überholen nicht einfach macht. In einem Wurzelstück wird mir das an Position drei fahrend zum Verhängnis. Ich muss Fahrer Marcel Hofmann überholen und in einer Linkskurve von der Ideallinie runter. Doch da ist es so glitschig, dass es mir schlagartig das Vorderrad wegzieht und ich unsanft zu Boden gehe und paar Meter rutsche über den linken Ellenbogen. Ich rappele mich wieder auf, checke Bike und Güldi und setze den beiden Begleitern hinterher. Die Koppelabfahrt hinab gehe ich recht hohes Risiko, um Meter zu machen, und wie schon in Runde zwei schnappe ich Küfi auf der holprigen Flachpassage. Benni fährt etwas weiter vorne. Den letzten steilen Anstieg zum Ziel hinauf komme ich wieder in Bennis Nähe, doch mein Vortrieb endet abrupt, als ein zu überholender Fahrer nach links in mein Vorderrad zieht und ich erneut zu Boden gehe, und zwar, weil‘s so schön ist, wieder auf den linken Ellenbogen. Wut macht sich breit, ich fluche herum. Obendrein hat sich beim Sturz meine Kette ums Tretlager gewickelt, die ich nicht gelöst bekomme auf die Schnelle. Also geht's im Laufschritt den Berg hoch. Küfi, der bei meinem Abflug rund 20 m hinter mir liegt, ist natürlich schon längst wieder an mir vorbeigefahren. Doch anstelle draufzulatschen, wartet er oben auf mich. Eine absolut faire Geste. So was gibt es nicht allzu oft. Im Nachhinein meint Küfi, dass er sich unter diesen Umständen nicht über Platz 3 freuen könne. Gänsehaut. Wir tragen den Kampf ums Podium also sportlich aus. Auf den letzten 500 m habe ich noch etwas mehr Körner als er und komme als Dritter ins Ziel. Küfi wird zwar Vierter, ist aber heute mein persönlicher Sieger. Benni erreiche ich nun leider nicht mehr, was ohne die Stürze und den Kettenklemmer durchaus möglich gewesen wäre, aber Platz 3 bei den jungen Kerlen ist auch nicht schlecht. Felix Fritzsch gewinnt souverän und zerbröselt vor Freude gleich mal seine gewonnene Weinflasche. Ich gewinne ein bisschen Preisgeld und ein Handtuch. Letzteres könnte ich im Prinzip gleich zum Verbinden meines Ellenbogens verwenden ...

Das Rennen ist nun zwar vorbei, doch die wahre Odyssee beginnt erst jetzt. Mein nagelneuer Lenker ist gebrochen und war ja zum Glück überhaupt nicht teuer. Wut kommt in mir auf. Der malträtierte Ellenbogen blutet inzwischen wie sau. Am Krankenwagen, wo man(n) mich mit „Gideo“ ganz und gar falsch ins Behandlungsformular schreibt, wird die Wunde gereinigt und verbunden, mit dem Hinweis, doch bitte sobald wie möglich einen Chirurgen aufzusuchen. Gesagt, getan, nach der Siegerehrung und dem Duschen daheim düse ich in die Notaufnahme meiner Arbeitsstelle, in der Gewissheit, selbige nach ein, zwei Stunden wieder verlassen zu können. In der Rettungsstelle bin ich Stammgast, und der Notarzt erkennt mich sogleich. Nun volles Programm: zwei Tetanusspritzen links und rechts, Blutdruck messen, Wunde reinigen und verbinden, Röntgen von Thorax und Ellenbogen, Urin- bzw. Dopingprobe. Anschließend geht's wider Erwarten nicht nach Hause zur Mieze, sondern in einen versteckten Mini-OP. Dort verbringe ich eine Weile, bis der Chirurg auftaucht. Güldis Blase ist inzwischen mächtig voll, als sich der Arzt steril macht, mich mit Tüchern abdeckt, die offene Wunde mit einer Spritze betäubt und ein Skalpell zur Hand nimmt. Der wird doch jetzt nicht … Oh doch, er wird. Mit dem Skalpell legt er meinen Ellenbogen und den oberen Teil des Unterarms frei, um an den Knochen und den Schleimbeutel zu kommen, letzteren zu öffnen sowie Knochensplitter und Dreck zu entfernen. Ich merke, wie das Blut fließt bis zu meiner Hand runter. Blöderweise reicht die Narkose nicht aus, als er beginnt, mit dem Spachtel oder was auch immer auf dem Knochen zu schaben. Ich sage dann mal „aua“. Er wundert sich und spritzt nach. Mir wird schlecht. Sehr schlecht. Ich bleibe mit Mühe und Not bei Bewusstsein, aber auch nur dank des von den Schwestern ruckzuck angelegten Tropfes. Mir geht's wieder gut. Trotzdem bin ich durchgeschwitzt. Die Blase ist randvoll, der Magen absolut leer. Hunger. Der Arzt näht mich wieder zu und legt eine Gipsschiene an. Doch noch ist nicht Schluss. Es geht zum Ultraschall meines Abdomens, ob beim Sturz auch meine Blase, Nieren, Gebärmodder usw. heile geblieben sind. Sind sie. Der Arzt weist mich darauf hin, dass meine Blase enorm voll sei. Ach was? Anschließend geht es nicht heim, sondern auf Station. Ich werde herzlich aufgenommen, verabschiede mich aber sofort aufs Klo. Die Blase ist leer, der Magen immer noch. In den folgenden fünf Tagen werde ich Zeit haben, ihn zu füllen. Coco muss die Nacht ohne mich verbringen. Meine Eltern kommen erst am Folgetag heim. Coco überlebt es. Feine Katze. Sie wechselt für fünf Tage den Wohnsitz. Zum Dank macht sie Remmidemmi bei meinen Eltern, richtet das Bücherregal im Schlafzimmer nach ihrem Geschmack her und ist obendrein pünktlich rollig. Meinen Arm kann ich "schon" nach vier Tagen wieder zum Schreiben missbrauchen, weswegen der Blog erst jetzt fertig ist. Es gibt in dieser Zeit lustige Vorkommnisse auf Station, die aber nicht mehr zum Rennbericht gehören. Ich sage nur: fremde, verpeilte Oma (SUDAJAD) mit Halskrause und blauem Auge in meinem Zimmer und Phantomschmerz ... Grandios.

Die Saison endet im Krankenhaus zuzüglich zweiwöchiger Krankschreibung, und ich hoffe, sie beginnt nächstes Jahr auf der Rennstrecke, also die Saison und nicht die Krankschreibung. Und stets Vorsicht beim Überholen!



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