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Mittwoch, 8. Juni 2016

1. Miriquidi Bike Challenge in Marienberg am 05.06.16

Kurzfristig hatten Drei-Meter-Mann Lars und ich eigentlich vor, dieses Wochenende bei einem Rollatorrennen im AZURIT Seniorenzentrum Altes Rathaus Chemnitz zu starten, doch kurzerhand entscheiden wir uns für Marienberg. Dort findet zum ersten Mal die sog. Miriquidi Bike Challenge – die MBC – statt. Die wird mit Mountainbikes ausgetragen.

Am Sonntagmorgen packe ich nach einer wirklich miesen Nacht meinen gut 24 Jahre jüngeren Ziehsohn und Teamkameraden Christian Schröder mit ins Auto, der die Challenge auch fahren will. Die zahlreichen Niederschläge die Tage zuvor bei null Streckenkenntnis machen mir die Entscheidung, welche Strecke ich fahren sollte, alles andere als leicht. Erst vor Ort und auch mit Hilfe von Ronald Oehmes Strecken-Know-how entscheide ich mich für den langen Kanten über 90 km. Wenn ich das Programm für die kommenden Wochen und meinen Hüftumfang so sehe, müssen es zwangsläufig auch die 90 km werden.
„Ein Fully brauchst du nicht!“, meint Ronald am Vorabend, also mache ich das Hardtail race-ready – freilich mit einer kleineren Übersetzung als in Markersbach und dieses Mal mit Federgabel. Die Bremsbeläge sind so lala, aber das Bremsen wird eh überbewertet. Christians und mein Verbottler ist mit Uwe Möckel auch schnell gefunden, der sich ohne Murren und Knurren bereit erklärt, uns beide zuzüglich Ronald zu verbotteln.

Um neun geht’s scharf für die knapp dreißig Bekloppten. Von oben ist es zum Glück trocken, aber von unten schon nach den ersten Metern klitschnass. Und überall Schlamm. Der Grip ist so mies wie das TV-Programm von RTL2. Ohne jedwede Streckenkenntnis rolle ich erst mal bei recht humanem Tempo mit dem Pulk mit und lasse mich von Kurve zu Kurve überraschen, wo’s denn so hingeht. Auch ein Karnickel begleitet uns für einige Meter, doch Möhren haben wir ausgerechnet heute nicht dabei. Ein Trail jagt den nächsten, und auch ein stillgelegter Bahndamm wird von uns unter die Räder genommen. Irgendwo auf den ersten Kilometern befahren wir auch eins der wirklich kaum vorhandenen Asphaltstücke. Ron Oehme verpasst hier allerdings einen Abzweig links in einen Trail hinein, was zur Folge hat, dass er scharf anbremsen und einlenken muss. Ich bekomme davon so einen Schreck, dass ich zu stark an der Vorderbremse ziehe, was mein Vorderrad mit abruptem Wegrutschen quittiert. Da liege ich mal wieder auf der Schnauze, und natürlich wie immer auf der linken Seite. Ich scheine da eine Unwucht in meiner Körperhorizontalen zu haben. Doch zum Glück fahre ich ja mit Armprothese, deswegen bleibt der Ellenbogen heil, nur der linke Oberschenkel wird neu tapeziert. Nach kurzem Zwischenstopp kann ich das Loch zur Spitze im folgenden Schlamm-Col wieder zudrücken.
Weiter geht’s in einem angenehmen Tempo, wobei mir nach einer Weile auffällt, dass wir nur noch drei Leute sind. Im Verkehrsfunk bringen die nichts über Staus, Unfälle, Geisterfahrer etc., also nehmen wir zu dritt die nur noch gut 80 km in Angriff. Jeder geht durch die Führung, sodass wir nicht einschlafen. Irgendwo Mitte der ersten Runde leitet mich ein Streckenposten falsch und mitten ins Fichtendickicht. Seine oberen Gliedmaßen weisen mir eindeutig den Weg nach rechts, doch der Streckenposten will mir damit sagen, dass es geradeaus bergab geht, ich aber auf der rechten Seite bergab fahren solle. Bloß kapiere ich das erst, als ich im Wald stehe und meine beiden Begleiter geradeaus den Downhill hinab zu einer Holzbrücke in Angriff nehmen. Okay, 180-Grad-Kehrtwende und hinterhergedüst. Im Flachstück fahre ich wieder auf beide auf, einen steilen Berg empor, einen schönen Downhill mit Anliegern hinab, mal kurz Waldautobahn Richtung Catstone, besagten Catstone hinauf, wieder einen schönen Downhill hinab und Richtung Ziel noch mal einen kleinen Anstieg hinauf. Erste Runde ready.

Flasche fassen von Uwe, und auf geht’s in Runde zwei. Wir sind immer noch zu dritt unterwegs, doch dank der ersten Install Lap weiß ich nun, wo die Tücken der Strecke liegen. Nach dem ersten Schlammdownhill der zweiten Runde bin ich plötzlich alleine unterwegs. Geplant war das keineswegs, aber bremsen tue ich deswegen nicht. Das übernimmt etwas später mein rechtes Pedal. Das hängt nämlich nur noch lose im Gewinde herum und eiert. Ich muss absteigen und versuche, das Teil mit der Hand wieder ins Gewinde zu drehen. No way. Zu viel Dreck bei zu geringer Power im Finger. Ich brauche einen 8er Innensechskant, doch so etwas hat man normalerweise nicht im Gepäck. Es dauert nicht lange, da kommt der Zweitplatzierte zu diesem Zeitpunkt, Herr Marcel Teilich aus Wiesbaden, an mir vorbei geschossen. Er hat leider keinen passenden Schlüssel dabei. Nur wenig später kommt der Dritte, Jonas Hummel aus Chemnitz, des Weges daher. Und der hat doch tatsächlich einen 8er Inbus am Start, der Teufelskerl. Im Fahren übergibt er mir sein Minitool, mit dem ich nun krampfhaft versuche, das Pedal zu fixieren. Es geht nicht. Also rausdrehen, Gewinde säubern und mit roher Gewalt wieder reindrehen. Das dauert und dauert, doch es klappt endlich. Schön fest ist es jetzt auch. Weil ich schlau bin, überprüfe ich gleich noch das linke Pedal und ziehe es vorsichtshalber fest. Weiter geht’s nach drei Minuten Pause. Meine beiden Kollegen sind freilich über alle Berge, doch zum Glück sind noch rund 50 km zu fahren. Allerdings muss ich nun den Ladedruck meines alten Turbodiesels etwas erhöhen.
Dieses Mal falle ich nicht auf die Gesten des Streckenpostens herein, der wieder nach rechts in den Wald zeigt. Ich fahre stur geradeaus, und zwar auf der linken Seite! Reiner Protest. The bridge over troubled water is very rutschig, but ich nehme mich in Acht und setze meine Aufholjagd fort. Im ersten der beiden lustigen Downhills halte ich mich nicht an die Richtgeschwindigkeit, meinen Handgelenken allerdings missfällt das. Unten im Blackwatervalley rollt auf einmal Torsten Mützlitz herum, der seit Samstag in Most (CZ) mit einer holländischen Radrennlizenz unterwegs ist. Er trägt keine Startnummer und regeneriert wie neulich in Markersbach. Kurz vor der Auffahrt zum Catstone kommen endlich meine beiden ehemaligen Begleiter ins Blickfeld. Jippie. In der Auffahrt fahre ich auf beide auf, deswegen heißt es ja auch Auffahrt. Das Werkzeug geht mit bestem Dank zurück an den Absender. Zu dritt (viert) zischen wir Richtung Zieldurchfahrt. Zweite Runde ready.

Wieder vermöckelt mich Uwe Bottle hervorragend. Ich mache es ihm nicht leicht. Ich benötige zwei Flaschen und einen Riegel. Uns Uwe hat aber nur zwei Hände. Trotzdem schafft er es mit kurzem Zwischensprint, alle Utensilien dem alten Mann auf dem Bike zur Verfügung zu stellen. Mc Drive für Fortgeschrittene bzw. „advanced verbottling“. Der Riegel wird sofort vertilgt, zumindest versuche ich das krampfhaft.
Mütze, der fliegende Holländer, lässt in der ersten Schlammpassage der Runde gleich mal das Gas stehen. Jonas setzt hinterher, obwohl Mütze außer Konkurrenz fährt, ich setze Jonas hinterher, weil er innerhalb der Konkurrenz fährt, aber Marcel Teilich aus Hessen koppelt ab, obwohl ich innerhalb der Konkurrenz fahre. Wenig später koppelt Jonas ab. Torsten und ich sind nun alleine unterwegs. Keine Sorge, er schiebt mich nicht, er zieht mich nicht, er spendet mir keinerlei Windschatten, was bei seiner Körpergröße auch nicht wirklich funktioniert, wir schmusen auch nicht; er erzählt mir nur Stories vom gestrigen Rennen in Most.
Der Schlamm-Col, wo vorhin mein Pedal den Dienst quittierte, ist jetzt voller Biker. Das macht’s nicht einfach, auf der Ideallinie zu bleiben und gleichzeitig den Fahrern auszuweichen. Zum Glück komme ich ohne abzusteigen durch die Pampe hindurch. Mütze fährt weit vor mir, auf der Drückerpassage verabschiedet er sich gen Heimat, weil er noch Marmelade einkochen muss.
Ich bin wieder allein, den gewieften Streckenposten am Brückendownhill jedoch, den gibt’s noch. Und wieder zeigt er nach rechts. Und wieder fahre ich links! Reiner Protest. The bridge over troubled water still is very rutschig, but ich mache sachte, um nicht vom Bike abzugehen. Flachstück und Gegenanstieg sind schnell abgehakt, der Anliegerdownhill auch, den ich nun mal lieber vorsichtiger fahre. Platten wäre doof. Im Schwarzwassertal komme ich bei noch gutem Puls gefühlt nicht mehr allzu schnell vorwärts, zum Glück muss ich nur noch den Catstone hinauf und kontrolliert Richtung Ziel rollen. Das klappt solide, und ich kann mich seit einer gefühlten Ewigkeit mal wieder über einen Gesamtsieg freuen, auch wenn nicht alles glatt lief. Jonas kommt paar Minuten später als Zweiter ins Ziel, Herr Marcel Teilich aus Hessen weitere paar Minuten später als Dritter. Dritte Runde ready.

Unsere beiden Youngsters Christian und Mike werden in der Gesamtwertung der 60 km Vierter und Vierzehnter, sind aber mit Abstand die Jüngsten im Feld der vorderen Platzierten. Alterspräsident Lars Strehle siegt auf der kurzen 30-km-Distanz. Beim Rollatorrennen hätte es nur einen Sieger gegeben, nämlich mich, so aber haben wir beide alles richtig gemacht.

Als Siegesprämie gibt es mal was ganz Neues: eine doppelläufige 86 cm große Holzbazuka mit massivem Fundament, um den Rückstoß abzudämpfen. Aus Tuninggründen wurde der Bazuka die Rinde abrasiert. Hammer. Meine beiden Katzen haben das Bäumchen schon inspiziert.

Fazit: Übermenschen sind heute auf den 90 km ausnahmsweise keine am Start gewesen, was den Normalmenschen natürlich freut. Nur ein Kettenblatt vorne bei richtig gewählter Größe macht bei so einem Schlammrennen wirklich Spaß, denn Kettenklemmer gibt’s nicht. Das kleine 9er Ritzel funktioniert auch im Modder erstaunlich gut. Ich hatte stets Vortrieb. Limitierend sind nur meine körperlichen Gebrechen, mein enormer Drang nach Kinderschokolade und natürlich mein Pedal. Ohne Jonas hätte ich wirklich alt ausgesehen, also noch älter als sowieso schon. Fürs erste Mal waren Orga und (entschärfte) Strecke trotz aller Umstände top. Weiter so!

Ergebnisse: hier
Next „race“: FRM

3. Runde
(c) by Konzeption SG

Siegerehrung alte Herren mit Bazuka
(c) by Christian Schröder

Dienstag, 31. Mai 2016

18. Erzgebirgsradrennen in Markersbach am 29.05.16

Normalerweise macht man sich in meinem Alter Gedanken über: „Hast du den richtigen Haftkleber für deine Gebissprothese besorgt? Wie hoch ist der Luftdruck auf deiner Dekubitusmatratze? Wann muss ich frühs pullern gehen, um rechtzeitig loszukommen, 30 oder 40 min vorher? Hast du am Wochenende auch wirklich deine Pflegeschwester abbestellt?“ Man macht sich auf jeden Fall keine Gedanken darüber: „Welche Kassette fahre ich hinten, welches Blatt vorne, welche Kadenz habe ich im größten Gang bei ca. 70 km/h?“ Allerdings gibt’s ein paar ältere Herren, die sich darüber den Kopf zerbrechen, besonders dann, wenn Markersbach-Time ist.

Also montiere ich mir hinten ein kleines 9er Ritzel (kein Schreibfehler), vorne ein einzelnes 36er, dazu Starrgabel. Das sollte bei 70 km/h und 29er Laufradgröße bei berechneten 126 U/min noch drückbar sein, ohne sich einen Knoten in die Beine zu leiern. Fürs Bergauffahren reicht das große 44er Ritzel hinten allemal bei dem Straßenrennen auf Schotter. Und ´ne Federgabel braucht man hier nicht. Gesagt, getan. Nebeneffekt: Das Bike wird schön leicht.

Trotz untypischer Pünktlichkeit muss ich mein Kfz sehr weit unten parken, so weit unten wie noch nie. Das deutet auf eine Vielzahl von Heizern hin, die ich prompt alle am Start treffe. So auch meinen Teamkollegen Sebastian „FK“ Stark, ihn sehe ich seit September 2015 das erste Mal wieder. Er sieht genauso aus wie früher. Und fit ist er immer noch. Dann geht’s auch schon los.

Am ersten Col zum Oberbecken befindet sich das Feld noch im Warmfahrmodus. Oben angekommen, legt’s mich an einer Querfuge fast hin, ich kann es gerade noch aussteuern und einen (Massen-)Sturz vermeiden. Jetzt habe ich genügend Adrenalin im Blut, was mich veranlasst, mal fix nach vorne zum Flaschenklau durchzufahren und mit ihm die Abfahrt zu genießen. Bret Janschneider tut es mir gleich. Trotz Starrgabel rollt es bei mir gut und kontrolliert hinab, und die Entscheidung, eine 4-zu-1-Übersetzung aufzulegen, war keine schlechte. Unten ist Bret der Erste, der den Gegenanstieg in Angriff nimmt, FK und ich paar Meter dahinter. FK macht jetzt allerdings ernst, wechselt vom Regenerationsmodus in seine GA1-Ausdauer und drückt das Loch zu Bret nicht nur zu, sondern koppelt ihn auch gleich ab. Für mich ist das schon beinahe Anschlag, sodass ich mich bis zu Bret hinziehen lasse, dann aber an Brets Hinterrad bleibe, um den Kreislauf nicht überzustrapazieren. Allerdings schafft es ein Hüne, das entstandene Loch zu FK zuzudrücken: Rennradfahrer Robert Walther. Beide setzen sich langsam ab; die Verfolgergruppe besteht aus zunächst fünf offiziellen Drückern (Straßenfahrer Lars, Bret, Patte, Teamkamerad Christian Schröder, Güldi) und einem inoffiziellen: Torsten „Mütze“ Mützlitz fährt Regeneration vom gestrigen Marathon in Klatovy und hält uns bei Laune. Mitte des Cols drückt Christian mächtig auf die Tube, dass nur die beiden alten Herren (zusammen 85 Lenze) mehr oder weniger schmerzfrei dranbleiben können. Und natürlich Mütze, der Regenerierer. Das flache Stück nutzen unsere Ex-Kollegen zum Aufschließen, sodass wir nun sogar sieben Fahrer sind: „Roland“ Kunz und ein weiterer Rennradfahrer namens Alexander Loos auf seinem Crosser haben sich dazu gesellt. Die Asphaltrampe drückt unser sehr starker Christian wieder von vorne und entzerrt etwas das Gruppetto, auch Straßenfahrer Lars muss kurz abkoppeln, nicht aus Altersgründen, sondern weil ihm die Kette vom Blatt hüpft beim Runterschalten. Da lobe ich mir mein Single-Kettenblatt. Lars drückt das Loch etwas später wieder zu. Im Flachstück gehen bei moderatem Tempo fast alle durch die Führung, aber auch hier lupft an einer kurzen Rampe Christian wieder am Gas. Keiner geht mit, weil keiner den Christian kennt. Noch nicht … Ich gebe selbst kurz Zwischengas, und siehe da, alle geh’n se mit wie beim Rattenfänger von Hameln. Also schnell Gas raus, um den Teamkollegen nicht zuzufahren. Das übernehmen etwas später Bret und Patte.

Den Col de Fichtel hinauf zündet beim Crosser der Turbo, wir holen ihn aber auf der Abfahrt bei knapp 90 Sachen wieder ein. Straßenfahrer Lars macht dort die Pace und verpasst etwas den Bremspunkt da unten. In unserem Alter lassen Sehstärke und das räumliche Wahrnehmungsvermögen sukzessive nach. Er nutzt beim Einlenken in die sich anschließende Schotter-Rechtskurve nicht nur die ganze Wegesbreite aus, sondern auch die Flora und Fauna am linken Fahrbahnrand. Sprichwörtlich querfeldein. Da will ich ihm mal lieber nicht zu nahe kommen und überhole ihn. Jetzt kommt die Stunde der 36/9er Übersetzung. Mit 60 bis 70 Stundenkilometern kann ich kontrolliert die Kurbel drehen, während Patte und auch Christian nicht mehr wirklich treten können. Dasselbe Spiel wiederholt sich die nächste Abfahrt zur Brücke runter, wo uns der Crosser etwas entwischt, Patte das Loch wegen seiner zu kleinen Übersetzung nicht zuleiern kann. Klemme ich mich halt vor Patte und schließe die Lücke. Kann ja noch treten. Ätsch.

Der kurze Col nach der Brücke bringt dann eine Vorentscheidung, als der greise Lars merklich die Pace erhöht. Nur Christian und ich mit etwas Mühe und zwei Kilo zu viel auf den Hüften bleiben dran. Christian geht auch noch vorbei am Drei-Meter-Mann. Langsamer wird’s dadurch nicht. Auf einmal sind wir nur noch zu dritt. Unsere Dreisamkeit wird allerdings unterbrochen durch ein Zischgeräusch an Christians Hinterrad. Cheise. Plattfuß. Er hätte heute locker was gerissen, vor allem in seiner AK. Aber mit seinen 16 Jahren sollte das hier noch nicht die letzte Chance gewesen sein. Seine Vaterfiguren Lars und Güldi sind nun allein im Wald unterwegs. Ein Ausruhen gibt’s nicht, denn wir wollen und müssen uns ja absetzen. Außerdem erwartet man uns schon daheim im Pflegeheim bei Kartoffelbrei und anschließendem Windelwechsel. Unter uns Vereinskollegen klappt auch die Führungsarbeit bestens, was zur Folge hat, dass wir Robert Walther in Sichtweite bekommen. FK hatte ihn zwischenzeitlich abgekoppelt, als er vom GA1- in den GA2-Modus wechselte. Mit Robert Walther bin ich schon Ende der Neunziger hier an gleicher Stelle um die Wette gefahren, und zwar mit einem 26er Barracuda Comp mit einer Rock Shox Judy und brachialen 5 cm Federweg, einem 49 cm breiten Lenker, Shimano-XT-V-Brakes, einer Dreifachkurbel von Race Face, einer XT-Achtfachkassette und einer Übersetzung von 48/11, quasi im Schaufelraddampfermodus. Mit einer Kurbelumdrehung kommst du da fast einen Kilometer weit. Da hat’s knapp für mich gereicht. Damals war FK nur niedliche 11 Jährchen alt und Grundschüler, Christian gab’s noch gar nicht, er war bestenfalls in Arbeit, wohingegen der 3-m-Lars die Pubertät schon jahrelang hinter sich gelassen hatte. Vermute ich zumindest. Wo ist die Zeit nur geblieben? Das zur Historie, weiter im Text.

Der böse Lars versucht am vorletzten Anstieg erneut, mich abzuschütteln. Das deute ich einfach mal so, da das Tempo schneller wird. Zum Glück bleibe ich jetzt nach kurzem Turbolocheffekt dran und kann zusammen mit ihm gen Ziel ballern. Lars gibt aber nicht auf und fährt den holprigen „Downhill“ zum Unterbecken recht zügig hinab, um mir das Leben mit meiner Starrgabel schwer zu machen. No way, ich bleibe auch hier dran, weil ich Oberarmtraining mache. Nach kurzem Geplänkel mit Stehversuchen und einem tiefen Schluck aus unseren Schnabeltassen gibt der Straßenfahrer gleich nach der Steilkurve bergauf Richtung Zielanstieg Stoff. Okay, er kommt zehn Meter weg. Pech gehabt, nicht mein Tag, sicher schleichender Plattfuß, Bremsscheibe schleift bestimmt, Hungerdödel, schwerer Helm, Heuschnupfenanfall wegen des regen Pollenflugverkehrs, Beinahesturz wegen der Kollision mit einem Marienkäfer, verzögerte Reaktionsfähigkeit durch Synapsenblockade aufgrund des Elektrosmogs vom Umspannwerk auf der rechten Straßenseite usw. Zu den zehn Metern gesellen sich am finalen Plattenanstieg noch mal geschätzte fünf dazu. Okay, Pech gehabt, nicht mein Tag … Irgendwann endet Lars‘ Vortrieb bzw. für Dativfetischisten „dem Lars sein Vortrieb“. Sein Tempo bleibt konstant. Nun gut, vielleicht geht ja doch noch was. Gang runterschalten, Schippe drauflegen, raus aus dem Sattel, Vollgas. Der Arzt hat gesagt, ich darf das. Ich schraube mich tatsächlich an Lars heran – und vorbei. Na hui, geiler Nachbrenner, ein Hoch auf die Jungbohnen bzw. „nackschen Männeln“ im Salat meiner leiblichen Modder vom Vorabend. Der Straßenfahrer kann nicht mehr kontern, und vorne rettet sich Robert Walther mit neun Sekunden und wenig Luft im Hinterrad als Zweiter ins Ziel, wo ich erst mal Sterne sehe. Drei Sekunden nach mir sieht der Lars dann die Sterne. Doch das alkoholfreie kühle Blonde verschafft schnell Linderung und lässt uns – Christian, Lars und mich – zur Ausrollrunde hoch und rund ums Oberbecken aufbrechen. Im endlich mal gemütlichen Tempo, versteht sich.

Die Siegerehrungen gehen schnell im Gegensatz zu Aue und Eibenstock gleich um die Ecke bei bestem Wetter und ohne 3 cm große Hagelkörner über die Bühne. Mit den Gutscheinen für Gesamt- und Einzelwertung kann man wirklich was anfangen. Für die Damen gibt es endlich auch eine Bergwertung. FK spendet einen seiner beiden bei der Bergprämie gewonnen Reifen unserem Nachwuchsstar Christian, der sich ja einen zerlegt hat. Und auf dem AK-Podium der Senioren 2 meint Bret (P3) auf meine Frage hin, ob wir denn wirklich schon so alt wären: „Nee, die haben sich bestimmt vertan.“ Recht hat er.

Ergebnisse: hier.
Next race: Marienberg oder Most. Das most ich mir noch überlegen. 

Lars vs. Güldi
(c) by Robert Oehme



Dienstag, 24. Mai 2016

Perštejnské Giro in Perstejn am 21.05.16

Drei Wochen sind vergangen seit dem letzten Rennen. Das Training habe ich intensiviert, nachdem mir der Onkel Doktor grünes Licht gegeben hat, und versuchte in der knappen Zeit, die mir zur Verfügung steht, möglichst viel rauszuholen aus dem alten Körper. Auch mein neues Racefully habe ich pünktlich vorm Rennen fertigbekommen. Zeit, Körper und Maschine unter Rennbedingungen zu testen. Der Perštejnské Giro in der Nähe des Col de Keil bietet sich nicht nur wegen seines anspruchsvollen Profils an, sondern auch wegen des geringen Startgeldes. So sehen das auch viele deutsche Heizer und nehmen die rund 45 km unter ihre Stollen. Schon die Anreise mit dem Pkw macht Laune, denn hinten heraus jagt eine Kurve die nächste. Keine Autos weit und breit. So muss das sein. 
Vor Ort treffe ich meine beiden Teamkollegen "Pitt Brett" Götze und Bastian „HDW“ Wauschkuhn, daneben fast das gesamte Scott-hau-mich-blau-Team, alle vier Helden des Sport-Werk-Teams, den Waldmeister, Onkel Steffen Wolfram, Patte Oettel formerly known as Müller, Bret Janschneider usw.

Am Start hieve ich mich über die Absperrung mitten rein ins Feld. Kurz später geht’s scharf. Schon in der neutralisierten Phase kommen sich Güldi und Fahrer Marcel Hofmann näher. Wir fädeln unsere Lenker ein, ich verkeile mich etwas. Doch mit Ruhe und altersbedingter Gelassenheit lösen wir das Problem unspektakulär. Gleich drauf knallt’s heftig, und zwar direkt neben mir. Ein Tscheche fädelt ein, fährt quer, ein weiterer Tscheche fährt in den ersten Tschechen, beide gehen zu Boden. Zu guter Letzt knallt noch Paul Lichan (selbst kein Tscheche) in den Tschechenhaufen hinein und steigt über den Lenker ab. Ich touchiere das Knäuel, komme zum Glück haarscharf vorbei. Das Loch zur Spitze, die sich mittlerweile im Rennmodus und ersten Anstieg befindet, muss nun freilich wieder zugedrückt werden. Das klappt. Die Beine sind willig. 
Die erste Abfahrt selektiert das Feld erneut und schadet meinem Vortrieb. Ich muss in die Eisen, weil, ich kann’s nicht genau erkennen, David Seidel oder Straßenfahrer Lars Probleme haben. Kettenklemmer oder Platten oder Pfandflaschen gefunden. Der Schwung ist dahin, ich muss erneut drauflatschen, doch die Spitze ist weg. Verflixt. Mein Tempo pegelt sich alterskonform ein, ein Überziehen passiert mir damit erst mal nicht. Irgendwann befinde ich mich in einer Gruppe mit dem Straßenfahrer, Marcel Hofmann und ein paar einheimischen Begleitern. Bergauf lässt Lars solide die Kurbel drehen, bergab muss er die Ideallinie noch finden. Bei drei Metern Körpergröße und einem Radstand von ca. vier Metern ist das nicht so einfach. Das Krasse ist, dass er nicht mal der Größte seines Teams ist. Da gibt es noch einen, der misst vier Meter. Hammer. Bei Inversionswetterlage befindet sich sein Rumpf in der Kälte, sein Kopf aber schon im Warmen.

Irgendwann enteilt unser Lars etwas nach vorne. Kein Grund zur Panik, denn die nächste, nicht ungefährliche Abfahrt naht. Im Nu bin ich wieder dran, nur leider „steht“ der Lars da runter mehr, als mir lieb ist. Es wird gefährlich, weil ich weder überholen noch vernünftig bremsen kann, und hinter mir staut es sich. Lars kommt mit etwas Mühe ohne Sturz durch. Im Flachen sind wir dann zu viert. Der Waldmeister konnte in der Abfahrt aufschließen – und ein Tscheche im grünen Trikot des besten Sprinters. Ein weiterer Tscheche im schwarzen Trikot des besten Schornsteinfegers, der mit Plattfuß vorhin am Rand stand, überholt uns mit gutem Druck. Wir können nicht folgen. 
Lars drückt ab der Verbottelungsstelle Mitte des Rennens bergauf nun wieder fester in die Kurbel, der Waldmeister und ich haben keine Lust mitzugehen, denn wir wissen: Die nächste Abfahrt kommt alsbald, und viel schneller können wir gerade sowieso nicht. Der grüne Tscheche koppelt nach hinten ab. Bis zur nächsten Abfahrt sind es dann doch noch ein paar eher flachere Kilometer, wo ich Waldi vom Hinterrad verliere. Auf einmal ist er weg, der Sascha. Alleine kann ich einige Meter gut machen auf den Straßenfahrer, der seinerseits das Loch zu einem Biker namens Edgar Schurig zudrückt. Schlecht für mich, aber nun kommt sie wirklich, die Abfahrt. Federung auf Maximum, und im Nu bin ich wieder dran und diesmal vorbei am Drei-Meter-Mann, im Gegenanstieg verkürze ich mit Lars im Schlepptau den Abstand zu Edgar, bevor es erneut in einen anspruchsvolleren Downhill geht. Lars muss abkoppeln, aber Edgar fährt dort gut runter, sodass ich ihn nicht überholen kann. Der Respekt fährt noch mit, als es mich letztes Jahr am Ende dieser Abfahrt zerlegte und ich im KH zusammengeflickt werden musste. Heute komme ich zum Glück heile durch.

Die jetzt nur noch welligen Abschnitte versuche ich gut durchzudrücken. Trotzdem habe ich wie aus dem Nichts auf einmal an meinem Hinterrad zwei Tschechen kleben. Kann sein, dass ich mich verfahren habe, kann sein, dass die sich verfahren haben, kann sein, dass ich enorm langsam den Downhill runter bin. Bergauf bin ich eindeutig schneller, denn der Diesel hat gezündet, bergab rollen wir alle gut. Irgendwo im Forest versteuere ich mich noch mal etwas in einer Abfahrt in Ermangelung an Wegweiser und nehme für einen Kilometer etwas Absperrband am (schiefen) Lenker mit. Der zweite Tscheche ist so schnell, wie er gekommen war, schon wieder weg. Mit dem verbliebenen Tschechen namens Tomas Trunschka an meinem Hinterrad rolle ich über die letzten Wurzeln und Wiesen, muss noch einmal aufpassen, als sich die Strecke kreuzt und von links ein Biker bergab geschossen kommt, bevor es Richtung Ziel geht. Herr Trunschka sagt mir in gebrochenem Deutsch, dass er Defekt habe und nicht mehr mithalten könne, was mir einen Zielsprint erspart. Als 13. der Gesamtwertung reiße ich zwar keine Bäume aus, bin aber gesund durchgekommen ohne Pleiten, Pech und Pannen. Form und Fahrtechnik müssen freilich noch ... Alles andere liegt am Material. ;-)

Die Siegerehrung zieht sich ganz schön hin, die Zeit allerdings verkürzen wir uns mit dem üppigen, kostenlosen Finishermenü. HDW isst meinen Gulasch auf, weil ich keinen Hunger habe bzw. dringend abnehmen muss. Nach der Siegerehrung gibt’s noch eine lustige tschechisch-deutsche Tombola, in der doch tatsächlich einige Preise nach Chemnitz gehen. Waldi, Steffen und Gesamtsieger der 45 km, Baum Lutzgärtel, nehmen hier kleinere und größere Trophäen mit gen Heimat. Schweinerei, denn trotz dreier Lose bekomme ich nüscht, aber auch gar nüscht. Das muss besser werden.

Ergebnisse: hier.
Next Race: Markersbach.

Güldi vor Waldi


Montag, 23. Mai 2016

11. Halden-Bike-Marathon in Löbichau am 30.04.16

Ich habe lange nichts von mir hören lassen über die Wintermonate. Um Gerüchten vorzubeugen: Nein, ich habe die Sportart nicht gewechselt. Schach war dann doch zu langweilig. Dennoch wuchs der Bauchumfang, das Training konnte ich nicht so gestalten, wie ich es wollte, weil mir Zeit und Gesundheit des Öfteren abhandenkamen. Man(n) wird nicht jünger, und die Motivation ist auch nicht mehr so wie vor 12 Jahren, als ich gerademal schlanke 18 war. Also steige ich nun verspätet und mit Formdefiziten in die Saison ein und hoffe, dass es schon bald aufwärts geht. Damit die Motivation dann doch nicht völlig dahingeht, gönnte ich mir in den letzten Wochen und Monaten ein paar neue fahrbare Untersätze, die, so will ich hoffen, meine Rückenschmerzen etwas lindern werden und mich vor einem Rennen noch länger schlafen lassen, weil sich die Anreise verkürzt: größere Rahmen, mehr Dämpfung, mehr Radstand, mehr Hubraum. Schaun mer mal, wie’s rollt. 

Nun denn, für Riva reicht meine Zeit nicht, denn das Rennen dort ist samstags, und der normalsterbliche Arbeitnehmer arbeitet auch freitags bis in den späten Nachmittag hinein. Teuer ist es obendrein. So bleibt mir nur die Alternative Löbichau. Der Halden-Bike-Marathon ist flach und staubig, es gibt einen kurzen Berg, sonst nur kleine, giftige Rampen. Ein MTB-Rennen ist das nicht, aber für den Formaufbau trotzdem zu gebrauchen. Ich melde für die mittlere Runde mit 54 km, weil die große für den Anfang mir dann doch noch zu lang (und öde) ist ohne Rennen in den Knochen.

Los geht’s einigermaßen pünktlich. Schon im ersten Trail wird ordentlich Tempo gebolzt. Das zieht sich bis in Trail Nummer zwei und drei so hin. Dummerweise erwische ich hier ein langsames Hinterrad, und die Spitze enteilt mir zum ersten Mal. In der Ebene drücke ich mich meist im Windschatten von Markus Thiel wieder an die Führungsgruppe ran. In meinem Windschatten macht es sich Dr. O bequem. Der Markus hat gut einen im Schuh in der Ebene, meine Güte. Als wir drei dann dran sind an der Spitze, wird vorne gleich wieder attackiert bergauf. Das kann ich nicht mitgehen, weil mir einfach noch der Punsch fehlt. Dr. O erleidet einen Platten, und Fahrer Stefan „Ute“ Freudenberg fällt ebenso aus Gruppe eins heraus. Zu zweit ziehen wir jetzt unsere Kreise über die Halde zurück zum Ziel. Leider fahre ich fast ausschließlich alleine Führung und kann die Fünfergruppe da vorne so nicht wieder aufrollen, im Gegenteil. Der Abstand wird langsam größer. 

Runde zwei läuft genau wie die erste. Der alte Mann leistet Führung, während Ute meinen Rücken betrachtet. Eine größere Gruppe kommt von hinten sukzessive näher, sodass ich bissl mehr am Hahn drehe. Die Halde überlebe ich genau wie den tiefen Rasen kurz vorm Ziel. Ute fährt etwas vorher an mir vorbei, um sich Platz 6 zu sichern, doch 20 m vorm Ziel kann ich nochmals drauftreten und sie überholen. Platz 6 für mich ist jetzt keine Top-Leistung, für den Anfang und die erste Standortbestimmung aber ganz brauchbar. Gewonnen hat das Rennen übrigens Tretungeheuer Markus Thiel vor dem Straßenfahrer Lars und Daniel Kletzin.

Dienstag, 6. Oktober 2015

14. Adelsberger Bike-Marathon am 03.10.15

Alle sieben Wuschel-Kitten plus Modder-Katze Coco lassen mich schlafen. Und zum Glück scheint frühs die Sonne, sonst wäre das mit meiner Motivation nur schwer zu vereinbaren gewesen. Also auf nach Adelsberg vor die Haustür, um das letzte Rennen der Saison zu bestreiten.

Schon beim Warmfahren muss ich feststellen, dass ausgerechnet heute die Beinchen nur widerwillig drehen, und da heute die 60-km-Strecke sehr gut besetzt ist, wird das die ersten 30 bis 40 km sicherlich ein ganz schönes Aua werden, bis die Beine „aufgehen“ bzw. der alte Diesel zündet.
Der Start erfolgt behutsam hinterm Einführungsfahrzeug, und der Wettkampfkommissar meint, dass „striktes Überholverbot fürs Auto“ besteht. Aha, das Auto darf uns also nicht überholen, gut so. Deutsche Sprache, schwere Sprache.

Ich bin froh, die ersten beiden Anstiege die Spitze halten zu können, erst in der Halfpipe werden Nägel mit Köpfen gemacht, sodass sich das Feld sehr schnell auseinanderzieht. Vorne entwischen die Herren Kreuchler, Werner und Reinfried, doch meine Gruppe fährt im Hammergrund wieder auf die drei auf. Am Steilanstieg ist es dann ähnlich, wobei Kreuchi und Markus Werner nun zu zweit stiften gehen, gefolgt von Matze Reinfried und Dr. Sebastian „Küfi“ Küfner. Ich halte mit Mühe mehr schlecht als recht Gruppe drei um Markus Thiel, Mütze, Steini, Tobias Grüttner und Co. Bergab schließe ich regelmäßig auf, bergauf werde ich regelmäßig durchgereicht. Das geht die ganze erste Runde so, verflixt. Die Solldrehzahl ist noch nicht erreicht.

In Runde zwei bessert sich das zunächst einmal nicht, sind ja auch erst knapp 30 km bzw. gut eine Stunde gefahren. Wieder verliere ich in den Anstiegen Meter, die ich bergab oder auf der Geraden zupressen muss. Doch so langsam habe ich das Gefühl, dass der Motor zu laufen beginnt, denn die Leute da vorne fahren mir nicht mehr weg, bzw. ich hole langsam wieder auf bergan. Das geht so lange gut, bis es hinten „zisch“ macht auf dem freien Feldstück Richtung Col de Adels. Es braucht nicht lange, dass ich wieder auf der Felge fahre. Das hatten wir doch schon mal irgendwo? Diesmal habe ich aber noch einen intakten Schlauch dabei und sogar zwei Kartuschen. Hinterrad rausbauen, Laufrad schütteln, Kartusche rein, nachpumpen mit der Minipumpe, Laufrad erneut schütteln, einbauen und beten, dass die Luft im Reifen bleibt. Und sie bleibt tatsächlich dort. Besten Dank an dieser Stelle für die Unterstützung durch Jan Dost. Ein paar Minuten später setze ich meine Fahrt fort, überhole auch gleich wieder einige Leute vor mir. Nach gut einem Kilometer verfliegt meine Euphorie genauso schnell wie die Luft aus meinem Hinterreifen. Dass ich natürlich wieder auf der Felge fahre, ist obligatorisch. Doch dieses Mal ziehe ich gleich den Schlauch ein, drehe die Kartusche in die Pumpe, und siehe da, es passiert nüscht. Der Grund wird sichtbar beim Entfernen der Kartusche. Der alte, demente Mann hat eine gebrauchte, leere Patrone eingepackt. Außerordentlich geil. 350 Minipumpenhübe und ca. acht Minuten später kann ich endlich wieder weiterfahren – unter ferner liefen. Es sind inzwischen sehr viele Fahrer der 60- und 40-km-Strecke an mir vorbeigedüst, die ich alle wieder überholen muss. Kein Zuckerschlecken auf den schnellen Bergabpassagen und nicht ungefährlich. Im Start- und Zielbereich nimmt mich um ein Haar noch ein ver(w)irrter Pkw beinahe kostenlos auf der Motorhaube mit, was meinen Adrenalinspiegel etwas in Wallung bringt.

Runde drei muss ich nun, so gut es geht, Knallgas fahren. Leider klappt das wegen der zahlreichen und zu vielen (!) Biker nicht immer. Ich nehme hier und da sicherheitshalber raus, da es nicht mal mehr um die kalte Bockwurst geht. Meine leiblichen Eltern haben unseren Verbottelungspunkt inzwischen auch schon verlassen, da sie wohl nicht mehr mit mir gerechnet haben. Doch der Sohn kommt spät, aber er kommt. Zum Glück laufen sie ein paar Meter weiter weg Richtung Auto, sodass ich doch noch meine Cola erhalte, denn ich bin getränketechnisch so gut wie leer. Auf den letzten knapp 10 km sammle ich zwar noch ein paar Fahrer meiner Strecke ein, doch weit nach vorne komme ich nicht mehr. Am Ende wird’s ein sehr beachtlicher Platz 24. Sau stark. Im Gegensatz zum letzten Jahr bleibe ich aber heile und muss nicht wieder ins Krankenhaus. Halbgas hat auch sein Gutes. ;-) Ernüchternd jedoch ist, dass mich der Streckensprecher Andreas Clauß mit den Worten „Hier kommt der Altmeister!“ ins Ziel bekleidet. So alt bin ich nun auch nicht, gerade mal 30. Und dass das Kürzel „m40“ in der Anmeldung steht, ist ganz klar ein Versehen des Veranstalters. Ganz klar!
Vom Kuchenbuffet nehme ich nichts, weil ich es nicht verdient habe und schon fett genug bin; Weintrauben und Äpfel müssen reichen. Nach kurzem Plausch hier und da geht’s zurück zu den Minimiezen. Ich brauche Beschmusung nach so einem Desaster.

Was 2016 wird, weiß ich noch nicht genau. Auf jeden Fall ist schon mal neues Equipment unterwegs – gut für den Kopf, den Rücken und die Motivation, schlecht fürs Portemonnaie und den Führerschein. Na dann, man sieht sich in knapp sieben Monaten, bis dahin ziehe ich mich erst mal zurück und genieße die Zeit als „Katzen-Opa“. 

(c) by Mario Zinn